Das Autofiktionale, das „Die Unendlichkeit“ bestimmte, verbindet sich wieder mit der Tocotronic-typischen Kunst der Überhöhung des Alltags ins Transzendentale.
Eine Kunst, die auf ihrem vierzehnten Album „Golden Years“ aus dem Jahr 2025 noch weiter verfeinert wird. Es handelt von den Reisen, die hinter einem liegen und von den Reisen, die noch bevorstehen, zugleich erzählen die Songs von der Sehnsucht nach Heimkehr und Sicherheit, vom Vergehen der Zeit und vom Vertrauen in die Zukunft, das allein die Liebe zu stiften vermag. „Golden Years“ ist gleichermaßen intim und politisch; wer Tocotronic kennt, dem wird es vertraut erscheinen und zugleich wieder ganz neu.
Denn wie keine andere deutsche Band, haben sie über Jahrzehnte hinweg ein Werk erschaffen – ein Werk im ganzen und guten Sinn dieses Wortes: ein Werk, geprägt von einer künstlerischen Entwicklung und von einem gelebten Leben, ein Werk aus Musik und aus Liedern, die sich auseinander ergeben, die aufeinander antworten und einander in Zweifel ziehen; ein Werk, in dem Leitmotive erkenntlich bleiben, die immer wieder variiert und erneuert werden und die immer wieder von neuem darauf befragt werden, wie sie zu der sich verändernden Gegenwart passen.
„Golden Years“ handelt vom Altern, vom Glück der Reife und von der Angst vor dem Tod, vor allem aber handelt es vom unaufhörlichen Wiederanfangen aus dem Geist der Selbstbesinnung heraus, von den Utopien der Auferstehung und des endlosen Werdens. Es zeigt eine Band, die sich zu immer wieder zu erneuern und gleichermaßen bei sich selbst zu bleiben verstand: erkennbar in der Veränderung. Vielleicht vermag das zu erklären, warum die Musik von Tocotronic nach all dieser Zeit und gerade in unserer unbehaglichen Gegenwart immer noch und immer wieder so viel Glück und so viel Trost zu spenden vermag.
Support: Stefanie Schrank
Stefanie Schrank ist bildende Künstlerin und Mitglied der Kölner Indierock-Band Locas In Love. Mit ihrem ersten Soloalbum „Unter der Haut eine überhitzte Fabrik“ begann sie 2019 aus analogen Synthesizern und eckig-eleganten Grooves ihren ganz eigenen Pop zusammenzusetzen. Ihr vielbeachtetes Debüt wurde in der Presse gefeiert, nicht zuletzt von Jens Balzer in der ZEIT, der es als „das Pop-Debüt des Jahres, reich und groß und von unruhiger Erhabenheit“ bezeichnete.
2024, eine Pandemie später folgte das Mini-Album „Schlachtrufe BRD“, auf dem „Schrank diesen in den Neunzigerjahren aufgesaugten Geist des Widerständigen in ihren eigenen Klangkosmos channelt(e)“, wie wiederum Andreas Borcholte auf spiegel.de schrieb und von: „eine(m) von Krautrock und Kraftwerk beeinflusstem Elektronikpop, (…) radikaler geht es kaum“ sprach. Nun endlich, auf den Tag genau sechs Jahre nach ihrem Debütalbum erscheint ihr zweiter Longplayer „Forma“.
"Forma" erinnert uns mit sehr viel Liebe und Hingabe daran, dass Prozesse der Transformation ständig und überall im Gange sind. Das einfach alles immer in Bewegung ist! Was ja komplett dem Wesen der Musik entspricht. Was zwar einerseits wie eine Binse klingt, wir andererseits aber unbedingt als gute Nachricht begreifen sollten, als echte Chance! Bevor wir eines Tages in einer diffusen Angst vor der Zukunft in eine Art Schockstarre aufwachen. Oder um noch einmal Stefanie Schrank zu zitieren: „Nein, wir fürchten nicht die Nacht, nein wir fürchten nicht den Morgen“.
Ja, wenn Stefanie Schrank als Frau Mitte 40 auf diesem Album etwas festhalten möchte, dann ist es die Kraft der Veränderung. Und damit produziert sie die wohl gerade spannendste, radikalste Pop-Musik in diesen Längen- und Breitengraden.